Eine merkwürdige Versuchsanordnung: Der Gatte Dorvil muss sich wie ein heimlicher Liebhaber verhalten und kann seine Frau nur im Schutze der Dunkelheit über eine seidene Leiter, die sie vom Balkon herablässt, besuchen, weil die Eheschließung mit Giulia ohne Wissen und gegen den Willen ihres Vormunds Dormont erfolgte. Dieser hat für seinen Schützling nämlich bereits eine Verbindung mit dem jungen Offizier Blansac eingefädelt, einem Freund Dorvils, der in dieser Konstellation lediglich als Trauzeuge vorgesehen ist. Um den lästigen „Bräutigam“ loszuwerden, beschließt Giulia, ihn mit ihrer Cousine Lucilla zu verkuppeln. Dorvil derweil, von Eifersucht geplagt, will die Treue seiner Gattin auf die Probe stellen. Was sich nun entspinnt, ist ein Feuerwerk an Intrigen, Verwechslungen und Missverständnissen. In Gioacchino Rossinis Anfang 1812 entstandener Farsa comica La scala di seta (Die seidene Leiter) kündigt sich bereits seine große Meisterschaft der pointierten Charakterisierung und der fein ironischen Auslotung von Beziehungsgeflechten an. Die Geschichte, durchaus bekannt und auch häufig komponiert, steigert sich hier zu einer Art szenischem Orchestercrescendo, für das Rossini der Komponist schlechthin war.

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