Produktionsrezensionen (1)

 
28 Feb. - 30 Sep. 2022
Peter Grimes, Britten,  
Bayerische Staatsoper   |  Münchner Opernfestspiele11 Vorstellungen
Festival
07 März 2022www.br-klassik.deBernhard NeuhoffSTARKE BILDER FÜR FINSTERE ZEITEN
Stefan Herheim setzt auf eindringliche Bilder: farbiges Licht, Szenen wie im Traum, scharf gezeichnete Typen. Manchmal greift er tief in die Psychokiste, etwa wenn er Figuren zu Doppelgängern macht. Oder den toten Lehrjungen im gleichen weißen Anzug auftreten lässt wie Grimes. Oder wenn er die Szene, in der der Junge zu Tode kommt, auf einer surrealen Traumbühne vor den Augen der Dorfgemeinschaft spielen lässt. Hier geht es weniger um gedanklich messerscharfe Analyse als um theaterwirksame Bilder, was völlig in Ordnung geht. Denn die sind nicht nur kurzweilig, sondern bleiben auch immer mehrdeutig: Grimes ist eben kein bloßes Opfer. Er ist manisch, brutal, ein Getriebener, der die latente Gewalt der Dorfgemeinschaft physisch ausagiert. Mit ihrer sinnlichen Bilderlust reagiert Herheims Inszenierung hellhörig auf Brittens Musik: Auch die ist vor allem auf Wirkung aus und reißt sich dafür ohne allzu große Bedenken so ziemlich alles unter den Nagel, was im Jahr 1945 fürs Musiktheater zur Verfügung stand. Brittens Erfolgsoper ist eine Promenadenmischung im besten Sinn. Da klingt es mal nach Puccini, mal nach Impressionismus, mal nach der Avantgarde eines Alban Berg und mal nach Broadway-Musical. Hauptsache, die Klänge erzeugen starke Bilder. Und darin ist sich der Regisseur nicht nur mit dem Komponisten einig, sondern auch mit dem Dirigenten.